Kleinmachnower Mauergeschichten
Gedanken zum Mauerfall
Von Pfarrer i.R.Reinald Elliger
Der 9. November ist für mich ein Symbol einer Reihe unvergesslicher Erlebnisse. „1989 war das aufregendste und verheißungsvollste Jahr aller Zeiten.“ So hat jemand diesen Abschnitt unserer Zeit charakterisieren können. Mit einem Abstand von 20 Jahren mag uns dies ein wenig hochgegriffen erscheinen. Doch in gewisser Weise könnte ich ihm zustimmen.
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Was hat uns in der evangelischen Kirchengemeinde damals bewogen, zu den ersten Bürgerversammlungen in Kleinmachnow aufzurufen?
Ich möchte darauf antworten: Es gehört zum Lebensverständnis eines Christen, sich seiner Menschenwürde bewusst zu werden. Das bedeutet für mich: Besinne Dich auf die Dir verliehenen Gaben, einschließlich Deines Verstandes, und setze sie zum Wohl anderer ein, befreie Dich von Deiner Unmündigkeit und versuche, allen Widersprüchen zum Trotz verantwortlich zu leben, auch in der Öffentlichkeit.
Die zunehmende Bedrohung der Welt durch Ungerechtigkeit und Gewalt, Abgrenzung und Einmauerung hatte viele Menschen nachdenklich gemacht und sie veranlasst, nach neuen Wegen zu suchen. Bekannt geworden ist die „Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ in den Jahren 1986 bis 1989. Immer mehr Friedens-, Umwelt- und Dritte-Welt-Gruppen entstanden und fanden häufig in den Kirchengemeinden zugelassenen Freiraum vom offiziellen Machtsystem der DDR. Was auf der Ökumenischen Versammlung für eine weltweite zukunftsorientierte Aufgabe formuliert worden war, das sollte im eigenen Land verwirklicht werden.
Im Herbst 89 schien die Zeit reif, Konflikte zu inszenieren, um Missstände zu beseitigen. Darum hatten wir in unserer evangelischen Kirchengemeinde für den 1. Oktober 1989, dem Erntedankfest, nach dem Gottesdienst zu einer öffentlichen Gemeindeversammlung in der Auferstehungskirche eingeladen. Am 6. September wurden mit Dr. Hans-Jürgen Fischbeck die ersten Vorbereitungen getroffen. Dr. Fischbeck war Teilnehmer an der Ökumenischen Versammlung in Dresden 1988, Mitbegründer der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ im September 1989 und Hauptverfasser des „Aufrufs zur Einmischung in eigener Sache“. Wir wollten uns und anderen Mut machen, sich einzumischen und eigenverantwortliche Zukunft zu gestalten.
Die Kirche war voll, die Begeisterung groß. Alles, was des Bürgers Herz beschwerte, kam zur Sprache – von freien Wahlen, Rede- Presse- und Reisefreiheit bis zu den Stasi-Häusern in Kleinmachnow, vom Zwang in die FDJ bis zur Chancengleichheit in Schule und Betrieb, von der Beseitigung des Führungsanspruchs der SED bis zur Neudefinition des „Sozialismus“, von der Freilassung Republikflüchtiger bis zur Nutzung der Hakeburg und des Seebergs durch die SED. Für manchen war es einfach gut, dass er loswerden konnte, was ihn bedrängte. Manch einer bekam dadurch, dass andere endlich sagten, was einmal gesagt werden musste, Hoffnung. Spontan wurden Arbeitsgruppen gebildet: Volksbildung – Kultur, Ökologie – Ökonomie, Staat und Recht. Es wurde auch aufgerufen zur Mitarbeit in den anderen Bürgerbewegungen, die sich inzwischen gebildet hatten.
Wie würden die „staatlichen Organe“ reagieren?
Überall brodelte es in der DDR. Wir erinnerten uns an die Erfahrungen bei der Lesung Stefan Heyms in der Auferstehungskirche 1983. Als es nicht gelang, die Lesung zu verbieten, erfasste die Stasi die Kennzeichen der in einem großen Umkreis geparkten Kfz – 90 an der Zahl – und drohte Ermittlungen an.
Wochenlang waren ähnliche Gewaltmaßnahmen wie in Peking auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ im Juni 1989 zu befürchten. Darum fanden noch weitere öffentliche Bürgerversammlungen am 29. Oktober und am 5. November in der Auferstehungskirche statt, zum Schutz der Teilnehmer unter dem Dach der Kirche.
Fortgesetzt wurde die Reihe mit noch drei weiteren Bürgerforen an den folgenden Sonntagen, und dann endlich dort, wo sie eigentlich hingehörten – in die kommunalen Räume der Kammerspiele.
War, was im Herbst 89 geschah, eine Revolution?
Ja oder nein – egal: Es war ein Aufstand Millionen Angepasster. Sie standen auf gegen die Diktatur einer fast alles beherrschenden Partei. Auf einmal schien es möglich zu sein, ein ganzes System zu kippen. Von vielen wurde diese Neueröffnung von Lebensmöglichkeiten als Erlösung, als unbeschreibliche Freude erfahren. Was wir nicht mehr für möglich gehalten hatten, jedenfalls für absehbare Zeit, trat auf einmal ein: die unmenschliche, einsperrende Grenze fiel. Man könnte fast sagen, ganz von allein. Was wir erlebten, überschritt auch die Grenzen bisheriger Erfahrung. Da war ein Aufbruch, der geistige Aufbruch von vielen Einzelnen, plötzlich etwas zuvor Undenkbares zu gestalten. Das war ein Moment spontaner Demokratie: „Wir sind das Volk“ – „Wir sind ein Volk“. Es war ein Aufbruch des Volkes aus reiner Fremdbestimmung, eine innere Bereitschaft, als freie Bürger zur Veränderung und Verbesserung des gesellschaftlichen Lebens beizutragen. „Demokratie jetzt oder nie!“
Für mich war die Zusammengehörigkeit der getrennten Teile Deutschlands eine Selbstverständlichkeit, die Wiedervereinigung trotz aller mit ihr verbundenen „Dummheiten, Fehlern, Ärgernissen und Widrigkeiten“ – wie der Schriftsteller Günter de Bruyn schreibt – ein Grund, die Hoffnung und Verantwortung für unsere Welt weiterzugeben.
"HEIMFAHRT"
von Dr. Michael Braun.
„Das macht dann 7,90 Mark“ klang es kaum verständlich durch das Schalterfenster des Jenaer Saalbahnhofs. Mit einem „Aber gern“ brachte ich meine Vorfreude zum Ausdruck, der trüben Stimmung an der damals miefigen Universität für ein verlängertes Wochenende entkommen zu können. Endlich hatte ich die Fahrkarte für den nächsten Morgen, Abfahrt 4.24 Uhr, in der Tasche. Durch diese wiederholt frühe Heimreise am Freitag würde ich die Vorlesung zum ach so „beliebten“ marxistisch-leninistischen Grundlagenstudium versäumen.
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Nur zum wöchentlichen Hochschulsport musste ich noch am späten Abend – gegen 21 Uhr zum Schwimmen weit im Süden der Stadt. Kurz vor meiner Busfahrt zur Schwimmhalle hatten wir als im Studentenwohnheim „kasernierte Physiker“ auf unserem kleinen Drei-Mann-Zimmer im Radio noch Schabowskis Sätze von der Pressekonferenz gehört. Richtig verstanden hatte den genauen Sinn der Sätze jedoch noch keiner von uns. So stimmte mir auch ein Bekannter, den ich auf dem Weg zum Bus traf, zu: „Wenn wir jetzt aus der Zone in den Westen rüber machen wollen, müssen wir dann nicht mehr wie Jens im September über Prag?“ „Ja, klang so.“ Nach der Rückkehr vom Schwimmen machte das Radio uns dann ab ca. 22.30 Uhr schlauer: Die sich in Berlin öffnenden Grenzübergänge verkürzten den eh nur bis 3.30 Uhr geplanten Schlaf gegen null.
Der D500 von Saalfeld nach Berlin fuhr pünktlich in den Bahnhof ein, doch die ollen, unbequemen grün-beigen Mitteleinstiegswagen, die ich um diese Nachtzeit sonst fast für mich allein hatte, waren wesentlich voller als üblich. Ein kleiner Teil des „Nur-noch-16-Millionen“-Volks hatte sich wohl spontan Richtung Berlin aufgemacht, um beim Bruch der Mauer dabei sein zu können. Auf den zwei roten Kunstleder-Bänken am gegenüberliegenden Fenster rekelten sich zwei junge Männer mit einem knallorange-farbigen Transistorradio, das die ganze Zeit das Geschehen entlang der Mauer im Großraumabteil ertönen ließ.
Die Fahrt ging dank dieser Akustik spannend voran – nur in Weißenfels gab es dann eine ironische Barriere, weit vor der Berliner Mauer: Der eingeplante Lokführer hatte bereits ohne unseren Zug den Weg in den anderen Teil Deutschlands gewagt, so stand unser Zug im Bahnhof herum … stand und stand. Nach gut einer Stunde war diese Gedenkpause endlich vorbei, der Zug ruckte und kam irgendwann kurz nach 9 in Schönefeld an. Der Doppelstock-Sputnik brachte mich dann ab 9.30 Uhr bis 10 vor 10 nach Genshagener Heide, von dort fuhr der Bus nach Kleinmachnow übers Cafe Ewig. Spätestens ab der Iserstraße wurde es dann ziemlich voll. Viele hatten ihre Arbeit im Gleichrichterwerk verlassen und versuchten, zu irgendeinem der wenigen Grenzübergänge zu gelangen.
Gegen 10.30 Uhr kam ich zu Hause an, tauschte mich erst mit meinem Vater über die freudigen Neuigkeiten aus, besuchte kurz meine Mutter bei der Arbeit im Energieversorgungsbüro auf der anderen Straßenseite und schnappte mir schließlich mein Fahrrad, um zu meinen (Ex-)Kollegen in die Sternwarte nach Babelsberg zu fahren (was mir als naturwissenschaftliche Ausrede für das Schwänzen der ML-Vorlesungen fundiert genug war) und um dabei im Vorbeiradeln gleich einen Blick auf die Lage am Autobahnanschluss Potsdam-Babelsberg zu werfen. Zu meiner Überraschung sah ich dort nicht nur die vielen Trabis und Wartburgs die sonst verbotene Auffahrt Richtung Wannsee nehmen, es wanderte sogar ein Strom Hunderter Fußgänger von der letzten Haltestelle an der Steinstraße die andere Autobahnauffahrt Richtung Berliner Ring hoch. Erst da fiel mir wieder ein, dass es da oben die Bushaltestelle des BVG-Busses gab, der durch die Grenze zum Bahnhof-Wannsee fuhr: Früher hatte meine Mutter öfter „Tante Else“ dorthin gefahren, wenn sie ihre Freundin am Schlachtensee besuchen wollte. In der Sternwarte am Park Babelsberg gab es dann auch nur noch das eine wichtige Thema unter allen Anwesenden, einer kam gerade mit dem Auto vom Kudamm zurück, andere wollten dorthin aufbrechen – über die Autobahn durch den Grenzübergang in Dreilinden. Nach mehreren freudigen Gesprächsrunden radelte ich wieder nach Hause.
Kaum erzählte ich meinem Vater von den Trabis und Wartburgs auf der Autobahn Richtung Wannsee, entschlossen wir uns, zusammen diesen Anblick zu genießen – hinten am Teltowkanal, wo ca. 100 Meter vor der Autobahnbrücke das Grenzgebiets-Schild stand. Der Fußweg am Kanal war damals wesentlich besser begehbar als heute – obwohl der Normalbürger dort nicht weiterdurfte und es weder den Stolper Weg als Straße noch die Wohngebiete westlich des Stahnsdorfer Damms gab.
Die tiefstehende Sonne im Westen verlieh den kleinen Trabis auf der Autobahnbrücke imposante Umrisse. Mein Vater fragte mich: „Weißt du noch, wie Klaus-Jürgen aus München uns im Frühjahr bei seinem Besuch erklärte, dass die Mauer in spätestens einem Jahr weg wäre – wie wir ihn ungläubig angesehen haben?“ „Ja, selbst jetzt ist es kaum zu glauben. Aber wie auch, weißt du noch, wie im letzten Jahr zu deinem 60. Geburtstag, als du all deine Kollegen aus der DEFA kurz nach dem Krankenhausaufenthalt gebeten hattest, von Geburtstagsbesuchen abzusehen, ausgerechnet die zwei hauptamtlichen Stasi-Heinis der DEFA bei uns mit Blumen vor der Tür standen - ihr Auto weit weg um die Ecke geparkt? Der eine tat dann später noch besoffener als der andere, obwohl er gar keinen Alkohol getrunken hatte – und die wollten für Stunden nicht mehr aus unserem Haus gehen.“ „Die Partei und ihr ‘Schild und Schwert‘ haben jetzt zum Glück ihre Macht verloren – und das ist die größte Genugtuung für mich.“ Ich sah meinen Vater skeptisch an: „Meinst du nicht, dass du erfahren wirst, was mit Matthias passiert ist?“ „Zu meinen Lebzeiten wird das wahrscheinlich nichts, aber du wirst es bestimmt noch mitbekommen.“
Minutenlang schweigend betrachteten wir im Sonnenuntergang die Karawane auf der Autobahnbrücke, während die Realität – ein wenig frech – Udo Lindenbergs Lied von den Russen karikierte: In 15 Minuten sind die Trabis auf dem Kurfürstendamm…