Kazimiera Mleczko: "Es gab für uns nirgends Platz, in keinem Lager"
Am 10. August 1944 wurde ich zusammen mit meinem Ehemann und meinen Eltern aus meiner Wohnung in Warschau abgeholt. Ich war damals 26 Jahre alt. Es war Abend. Sie führten unsere Gruppe, etwa fünfzig Personen, unter Bewachung durch die Straßen der brennenden Stadt zum Westbahnhof. Von dort brachte man uns mit einem Zug nach Pruszków. Bis zum Morgen saßen wir in einer dunklen, überfüllten Werkshalle. Dann trieb man uns alle zu einem Nebengleis, wo Güterwaggons standen, in die wir einsteigen mussten. Sie wurden sofort verriegelt. In diesen dreckigen, bis zum Bersten überfüllten Waggons wurden wir zwei Wochen lang durch ganz Deutschland gefahren, zusammengepfercht wie Tiere, ohne Wasser, ohne Verpflegung, ohne Toilette. Denn es gab für uns nirgends Platz, in keinem Lager.
Eines Nachts hielt der Zug auf einem Nebengleis. Im blendenden Licht der Scheinwerfer wurden die Männer aus den Waggons herausgezerrt. Man hörte Gebrüll und das Bellen von Hunden. Wie sich später herausstellte, war das das KZ Buchenwald. Hier wurde ich von meinem Vater und meinem Mann getrennt. Die Frauen fuhren weiter. Nach einigen Tagen erreichte der ganze Transport Bergen-Belsen, wo wir die nächsten Tage auf einem leeren Platz hinter Stacheldraht unter freiem Himmel verbrachten. Schließlich fuhr man uns zur Station Fürstenberg/Mark. Mitten in der Nacht ließen sie uns aussteigen. Unter Bewachung von SS-Männern mit Peitschen und Hunden wurden wir ins Lager Ravensbrück geführt. Schrecklich war der Augenblick, als wir das Tor passierten, das werde ich bis zum Ende meines Lebens nicht vergessen.
Der Aufenthalt in Ravensbrück begann für mich genauso wie für andere Häftlinge: Man nahm mir alle persönlichen Sachen weg, Kleidung, Unterwäsche, Andenken, die ich aus dem brennenden Warschau mitgenommen hatte, und Schmuck. Ich musste mich nackt ausziehen. Man hat mir die Haare geschoren. Von diesem Augenblick an war ich kein Mensch mehr, nur eine Nummer.
Nach dem Bad kampierten wir drei Tage lang unter freiem Himmel. Da sehr viele Transporte aus Warschau kamen, war das Lager schrecklich überfüllt. Ich hatte ein dünnes Hemd, ein Sommerkleid und Holzschuhe an. Dann wurde ich in einer Baracke untergebracht, in der drei Häftlinge auf einer Pritsche schlafen mussten. Die Bedingungen waren entsetzlich: um vier Uhr morgens Appell, Schläge mit der Peitsche, zwölf Stunden täglich Arbeit, graben im Sand. Zweimal täglich Essen: schwarzer Malzkaffee und ein kleiner Becher Wassersuppe. Die Toilette zu benutzen, war eine Qual.
In Kleinmachnow wurde der ganze Frauentransport im Keller untergebracht, unter einer riesengroßen Fabrikhalle. Der Keller war dunkel, feucht, das Wasser lief die Wände herunter. Ich arbeitete zwölf Stunden am Tag an einer Drehbank und musste an der Maschine stehen. Das machte mir am meisten zu schaffen, ich hatte schreckliche Schmerzen in den Beinen. Ich konnte das nicht ertragen, wurde immer wieder ohnmächtig. Dann wurde ich ernsthaft krank und musste auf das Revier. Aber ich wusste, dass sie mich, wenn ich mich nicht zur Arbeit aufraffe, zurück nach Ravensbrück schicken würden. Und dort würden sie mich fertig machen. Dank der Hilfe meiner Kameradinnen hielt ich durch. Später nahm ich mit einigen anderen Frauen an einem Kurs für Einrichter teil. Ich sprach ziemlich gut Deutsch und in der Fabrik wollte man Ersatzpersonal haben. Während des Kurses musste ich nicht an der Maschine stehen und wir bekamen auch besseres Essen.
Ich hatte einen guten Meister. In der Nachtschicht brachte man für die deutschen Arbeiter Suppe in großen Behältern. Und er ließ für mich gar nicht wenig von dieser Suppe zurück, so dass ich sie mit meiner Mutter und den Freundinnen teilen konnte. Er war wirklich ein guter Mensch. Übrigens bin ich vielen anständigen Deutschen begegnet. Im Vergleich zu Ravensbrück fühlte ich mich in Kleinmachnow wie ein anderer Mensch. Und ich hatte auch mit anderen Menschen zu tun. Ja, wir wurden die ganze Zeit von den Aufseherinnen bewacht, aber sie waren nicht alle böse, einige verhielten sich anständig.
Im April 1945 wurden wir täglich zig Kilometer gejagt. Ich hatte zu große Holzschuhe und schreckliche Wunden an den Füßen. Die Angst, sofort erschossen zu werden, mobilisierte die Kräfte, die immer weniger wurden. Aber ich glaubte fest, dass das Ende des Krieges schon nahe war. Man hat uns am 2. Mai 1945 befreit. Das Grauen war zu Ende, aber auch ich war am Ende meiner Kräfte. Einige Kameradinnen zogen sich deutsche Uniformen an, denn die lagen dort in Fülle herum und waren sauber. Ich konnte das nicht.
Bald darauf wurden wir nach Spakenberg gebracht, wo meine Mutter und ich fast eineinhalb Jahre geblieben sind. Dann bekamen wir die Nachricht, dass mein Bruder und meine Schwester überlebt hatten, und wollten gleich zurück nach Polen. Wir meldeten uns zum nächstmöglichen Transport. Durch das Rote Kreuz erfuhr ich, dass mein Mann nicht mehr lebte, er war während des Marsches erschossen worden. Der Ehemann einer Kameradin aus Kleinmachnow war Augenzeuge. Ich hatte also meinen Mann verloren und meine Gesundheit. Ich habe auch meine Wohnung verloren und alles, was ich besaß. Ich war obdachlos. Man musste von Null an anfangen.
(Schriftlicher Bericht, Warschau im März 2001)