Inhalt

Ludwika Marcinkowska: "Rasse" und Zwangsarbeit in Dreilinden

Ich habe in Łódź in der Montwiti-Mirecki-Siedlung gewohnt, in der Danilowskistraße 7/46. Dort lebten vor dem Krieg Berufssoldaten, Angestellte des Schulwesens und Staatsbeamte. Mein Vater war Berufsoffizier und hat den ganzen Krieg als Kriegsgefangener verbracht, zunächst in Deutschland, dann in Norwegen. Im November 1939 wurden wir ausgesiedelt. Es war die erste Aussiedlung einer ganzen Wohnsiedlung aus Łódź. Die deutsche Polizei gab uns 15 Minuten Zeit zum Anziehen, es war Nacht, wir waren entsetzt und meine Mutter bekam eine Herzattacke. Diese grauenhafte Nacht werde ich bis zum Ende meines Lebens nicht vergessen. Ich war damals zwölf Jahre alt. Wir haben alles verloren.

Die Deutschen brachten uns in ein Lager in der Lajcowastraße. Wir mussten auf dem nackten Fußboden übernachten, hatten nicht einmal Decken. Dass meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder und ich glücklicherweise aus dem Lager herausgeschmuggelt werden konnten, haben wir dem Bruder meiner Mutter zu verdanken, der einen Kessel Suppe für die Ausgesiedelten brachte. Er nahm uns bei sich auf, er hatte ein eigenes Häuschen in Łódź-Marysin.

Nach einiger Zeit bekamen wir ein kleines Zimmer in der Glinianastraße 29, wo sich vor dem Krieg eine Fabrik für Militärmützen befand. Wir erhielten Betten, Bettwäsche und Kleider. Das war die Hilfe der Untergrundorganisation des Polnischen Heeres.

1942 wurde ich infolge einer Straßenrazzia zur Arbeit gezwungen, trotz meines jungen Alters. Ich arbeitete zunächst in einer Hutfabrik. Dann brachte mich die Polizei in ein Lager in der Kopernikus-Straße. Dort wurde ich von der Gestapo für die „Rasse“ ausgewählt. Man brachte mich in ein Durchgangslager in die Spornastraße, wo Untersuchungen für die so genannte „Nordische Rasse“ durchgeführt wurden. Ich machte sie alle durch, was sehr schwer und unangenehm war. Während des Verhörs verschwieg ich, dass ich eine ältere Schwester und einen Bruder hatte. Das hatten mir meine älteren Kameradinnen im Lager geraten.(...)

Dann wurde ich nach Deutschland abtransportiert. Es war das Jahr 1943. Man hat uns nach Frankfurt gebracht - dort gab es noch eine Untersuchung vor einer SS-Kommission - und dann nach Berlin, in die Ortschaft Kleinmachnow, Berlin-Wannsee. Ich war im Betrieb Dreilinden Maschinenbau GmbH beschäftigt. Ich habe an einem Mikroskop gearbeitet und einen Teil irgendeiner Anlage bedient.

Mein Meister, ein kultivierter Deutscher, verhielt sich mir gegenüber sehr verständnisvoll, deshalb begann ich zu glauben, dass ich irgendwann zu meiner Mama zurückkehren würde.

Während meines Aufenthaltes in Berlin wurden meine älteren Kameradinnen, die auch als „rassisch höherwertig“ galten, zur „Gesellschaft“ geschickt: Sie mussten die deutschen Soldaten bedienen, die auf Urlaub kamen. Weil man meinte, dass ich für das erwachsene Leben noch nicht geeignet sei, nahm ich an diesen „Spielen“ nicht teil, vielleicht hat mich auch der Meister davor geschützt. Jetzt wird mir bewusst, dass ich dies mit Sicherheit dem Meister verdanke. Die älteren Kameradinnen, die zu solchen Spielen gezwungen wurden, fühlten sich furchtbar erniedrigt. Ich selbst war sehr diszipliniert und immer noch nicht erwachsen. Und ich fürchtete mich sehr. (…)
Am 20. Mai 1945 kehrte ich nach Hause zurück. Meine Erlebnisse haben viel Groll gegenüber den Deutschen in mir hinterlassen. Nur in einer Hinsicht ist meine Erfahrung positiv gewesen: Das war der Meister in der Firma, ein außergewöhnlich kultivierter und guter Mensch.

Mein Aufenthalt in Berlin war schwierig. Für die Arbeit bekam ich fünf Mark, dafür konnte ich mir Briefumschläge und Briefmarken für die Briefe an meine Mama kaufen. Meistens hatte ich Hunger, es fehlte sogar an Brot, die Rationen reichten nicht einmal für das Frühstück. Die Erlebnisse aus der Zeit der Sklavenarbeit in Deutschland waren für mich eine Tragödie, die ich leider nicht vergessen kann.

Ich hätte eine große Bitte: Falls es möglich wäre, würde ich sehr gerne nach Berlin fahren und die mir bekannten Orte besichtigen - zum Beispiel diesen großen Betrieb, der offenbar noch immer existiert -, aber als freier Mensch im freien Deutschland. Das wäre eine Art Genugtuung für mich und auch mein Verhältnis zum heutigen Deutschland könnte sich zum Besseren wenden.

Es gibt bei uns in Łódź eine größere Gruppe von Menschen, die in diesem Unternehmen gearbeitet haben. Vielleicht wäre es möglich, einen Ausflug zu organisieren. Ich denke, eine so große Firma wäre imstande, die Kosten für eine solche Reise zu übernehmen. Als Vorsitzende der Rentnergruppe der Gewerkschaft NSZZ „Solidarnosć“ des Gebietes Łódź würde ich mich verpflichten, eine Gruppe von ehemaligen Zwangsarbeitern dieses Betriebes zu organisieren.

(Schreiben an die Berliner Geschichtswerkstatt vom 17.11.1997, BGW-Archiv)